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Umweltchemikalien

Gefährliche Chemikalien in Esswaren, Bekleidung, Umwelt und in Gebrauchsgegenständen - keine Ausgabe der Zeitschrift "Stiftung Warentest", bei der nicht in irgendeinem Produkt krebserzeugende Chemikalien entdeckt werden. Immer wieder kocht eine neue Hiobsbotschaft hoch und wird zur Schlagzeile. Umweltchemikalien ruinieren den Ruf der Chemie. Wozu die Chemie? Die soll da nicht sein. Die soll weg! Am besten gleich komplett!

In diesem Jahrhundert hat es sich bei derartigen Hiobsbotschaften in keinem Fall um bedeutende Risiken gehandelt. Dazu ist die Überwachung der allgemeinen Gesundheit in Mitteleuropa heutzutage einfach zu gut als dass größere Risiken längere Zeit unentdeckt bleiben könnten. Trotzdem führt beim Hochkochen eines neuen "Skandals" die schlechte Presse oft dazu, dass Auflagen gemacht oder verschärft werden, um vorhandene "Vielleicht-ein-bisschen-Risiken" zu Null-Risiken zu drücken. Es ist ja richtig, Schlendrian und Unverantwortlichkeit aufzudecken, aber das Problem ist ein menschliches: Menschen neigen nun mal dazu, unbekannte Risiken überzubewerten und bekannte Risiken unterzubewerten. Risiken, z.B. durch Krankheit, Verkehrsunfall (über 3000 Tote pro Jahr) oder Rauchen (um durchschnittlich 10 Jahre verkürzte Lebenserwartung) gesundheitliche Frühschäden oder einen frühen Tod zu erleiden sind um Größenordnungen höher als die Risiken, denen man heutzutage in Mitteleuropa durch Chemikalienbelastung ausgesetzt ist. Viele sind geneigt, bekannte Risiken als beherrschbar zu erklären. ("Ich fahre vorsichtig!") Wer z.B. Car Crash googelt, sieht aber, dass das eine Wunschvorstellung ist und Unfallopfer chancenlos zu Tode kommen können.

Aufklärung ist also angesagt. Wer, wenn nicht die Schule ist es, der hier ein maßgeblicher Anteil zukommt - zukommen muss!

Wenn man Gift im Obst oder im menschlichen Körper oder sogar im Trinkwasser nachweisen kann, so liegt das daran, dass mit modernen analytischen Methoden Konzentrationen nachgewiesen werden können, die um Größenordnungen unter den Mengen liegen, die eine toxikologische Wirkung hätten. Auch die Vorstellung, dass ein einziges krebserzeugendes Molekül den Tod bringen könnte, ist überholt: Im Menschen entstehen täglich 100 Krebszellen. Es ist die Aufgabe der Immunabwehr, sie unschädlich zu machen. Von Paracelsius stammt die Erkenntnis, das alles (erst) ab einer bestimmten Menge giftig ist. Man kann sich selbst mit Wasser vergiften. Die Aussage, irgendwo seien Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe gefunden worden, sagt so also noch gar nichts. Freilich weiß man oft noch nichts darüber, wie sich die Wirkung in Abhängigkeit von der Dosis entwickelt. Das dann übliche Verfahren ist es, tolerierbare Belastungsgrenzen mit einem Sicherheitspuffer so niedrig anzusetzen, dass mit einem Risiko nicht zu rechnen ist.

Nebenstehend finden Sie eine - natürlich - nicht vollständige Liste mit Informationen zu einigen umweltrelevanten Chemikalien. Der nächste "Umweltskandal" wird vermutlich irgendeine andere Chemikalie betreffen, weshalb Sie zur Information Ihrer Schülerinnen und Schüler dann selbst recherchieren müssen. Neben der Fragestellung des gesundheitlichen Risikos (s.o.) gibt es folgende weitere Fragen:

  • Wie kommt der Stoff in die Umwelt (=das Nahrungsmittel, die Kleidung usw.)?
  • Wäre dieser Umwelteintrag grundsätzlich vermeidbar?
  • Wenn ja: Wäre das zu vertretbaren Kosten vermeidbar
  • Welcher Nutzen steht der Exposition mit dem Stoff gegenüber?

Zum Nachdenken

Lebensmittel werden mit Chemikalien konserviert, um sie haltbarer zu machen. Würden Sie nicht konserviert, gingen Verbraucher das Risiko ein, an verdorbenen Lebensmitteln zu erkranken.

Gewöhnliches Autobenzin ist krebserzeugend: Es enthält zwischen 0,1 und 1 % Benzol. Gefahrstoffrechtlich (siehe CLP-Verordnung) gelten Konzentrationen > 0,1 % als krebserzeugend (und so steht es auch an jeder Zapfsäule - meist verschämt an der Seite). Würden Sie sich davon einen Kanister an der Tankstelle abfüllen, um damit im Chemiesaal Experimente zu machen, so könnten Sie an der Tankstelle ungestraft damit nach Herzenslust herumpanschen, müssten in der Schule angekommen, den Kanister gemäß GefStoffV jedoch sofort unter Verschluss halten sowie gesonderte Bereiche benennen, in denen mit dem Benzin experimentiert werden darf, Warnhinweise "Zutritt verboten" anbringen und sich via Gefährdungsermittlung mit Schutzausrüstung und Arbeitsplatzmessungen auseinandersetzen. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie relativ Sicherheitsmaßnahmen sein können. Beim Autoverkehr hat man schlicht kapituliert und das beim Betanken des Autos eingeatmete Benzin zum unvermeidbaren Risiko erklährt. (Wie gesagt: Es ist ja auch viel wahrscheinlicher, dass Sie mit Ihrem vollgetankten Auto einen tödlichen Verkehrsunfall erleiden als dass Sie aufgrund der Benzolexposition an Leukämie erkranken.)

Im Blut aller Deutschen lässt sich Quecksilber nachweisen. Die Hauptaufnahmequelle ist Fischverzehr. Schuld sind hier ganz sicher auch Umweltsünden (Beispiel: Minamata), aber auch der Umstand, dass wir Kohle verstromen. Die Kohle enthält eben auch ein klein wenig Quecksilber. Dies zu entfernen, wäre sehr kostenintensiv. Diese Immission gilt deshalb ebenfalls als unvermeidbar. Und sie zu vermeiden, wäre auch unnötig, denn die üblicherweise im Blut nachweisbare Menge an Quecksilber gilt als unbedenklich.

Es ist methodisch schwierig, krebserzeugendes Potential nachzuweisen. Krebs entsteht oft erst nach einer langen Latenzzeit, die beim Menschen auch 20, in Einzelfällen sogar bis zu 40 Jahren betragen kann. Versuchstiere leben nicht so lange - und man will ja auch nicht so lange warten, bis man ein Ergebnis hat. Also erhalten Versuchstiere oft höhere Dosen, damit der Effekt schneller sichtbar werden möge. Dabei befindet man sich aber schnell in einem Bereich, in dem akut toxische Effekte auftreten, z.B. chronische Entzündungen. Oft sind die dann auftretenden Krebsformen eher auf den toxisch bedingten Krankheitszustand zurückzuführen als auf ein direktes krebserzeugendes Potential. Hilfsweise und zur Absicherung landen entsprechende Stoffe dann oft in der CLP-Kategorie 2 ("Verdacht auf Wirksamkeit").

Informationsquellen

Wenn es sich um eine einzelne Stoffkomponente handelt, ist die GESTIS-Stoffdatenbank eine gute Quelle. Vielleicht haben Sie auch beim Bundesamt für Risikobewertung Glück. Daneben müssen Sie natürlich viel "googeln".