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Landesverband

Abfälle sind nie in genau reproduzierbarer Weise zusammengsetzt. Ihre Chemikalienabfälle sind in Ihrem Wirkungsbereich entstanden, weshalb sie deren Beschaffenheit am besten kennen und beurteilen können sollten. Die hier gegebenen Hinweise sind zwar nach bestem Wissen und Gewissen zusammengetragen, aber es bleibt in Ihrer Verantwortung zu beurteilen, ob diese Hinweise in Ihrem konkreten Fall sinnvoll und gefahrlos anwendbar sind. Bestehende Entsorgungsregelungen, die Sie mit Entsorgungsbetrieben oder Ihrer Schulverwaltung getroffen haben, haben im Konfliktfall vorrang vor den hier gegebenen Hinweisen! Hinweise, Rückmeldungen und Fragen sind willkommen.

Ins Abwasser entsorgen oder als Sonderabfall sammeln?

Die RiSU enthält zur Entsorgung von Chemikalien an Schulen folgende Aussagen:

  • Stoffe der Wassergefährdungsklasse 2 und 3 sind "i. d. R" als Sonderabfall zu sammeln. Es geht im folgenden um den Versuch einer Interpretation, was unter "i. d. R" zu verstehen ist.
  • Sie haben Ihre Schülerinnen und Schülern für den Umweltschutz zu sensibilisieren. Konkret bedeutet dies, dass Sie auch beim Experimentieren mit Kleinmengen aufzeigen sollen, wie mit ökologisch nicht mehr unbedenklichen Mengen ökologisch korrekt zu verfahren ist.

Bei der Entscheidung, ob eine Chemikalie ins Abwasser entsorgt werden darf, spielen folgende Faktoren eine Rolle:

  • Die toxischen und umweltschädlichen Eigenschaften.
    Sie werden durch H-Sätze (Nicht einfach nur durch die GHS-Piktogramme (!) definiert und sind deshalb leicht ermittelbar.

  • Die Bioabbaubarkeit
    Für das Abwasser ist natürlich insbesondere die Bioabbaubarkeit im Klärwerk (Faulschlamm) interessant. Daten hierzu sind aber kaum verfügbar.

  • Die Bioakkumulation
    Bioakkumulierbare Stoffe reichern sich in der Nahrungskette an. Ein bekanntes Beispiel ist Quecksilber, welches sich in Fischen anreichert, weshalb der Verzehr speziell von Raubfischen zu einem messbaren Anstieg des Quecksilbergehalts im menschlichen Blut führt. Exzessives Einleiten von Quecksilberverbindungen hat in den 1950-er Jahren zur Minamata-Krankheit geführt. Sofern die Anreicherung eines Stoffes nicht direkt an Versuchstieren bestimmt werden kann, wird hilfsweise der Verteilungskoeffizient n-Octanol/Wasser (KOW) zur Abschätzung herangezogen. Fettlösliche Stoffe neigen nun mal eher dazu, sich in Fettgeweben anzureichern. Bioakkumulierbare Stoffe sind also oft schlecht wasserlöslich.

  • Die zu entsorgende Menge
    Bei vielen Chemikalien heißt es, dass nur Kleinmengen ins Abwasser entsorgt werden dürfen. Es macht nur leider niemand eine Aussage darüber, was eine Kleinmenge ist. Man wird überdies diese Frage je nach Chemikalie vollkommen unterschiedlich beantworten müssen. Beispiel: Nach den Festlegungen der Europäischen Chemikalienagentur wird im Klärwerk ein Ethanolgehalt von etwa 1/2 l pro Kubikmeter Abwasser als unbedenklich angesehen. Eine vergleichbare Menge an Quecksilbersalzen wäre hingegen eine Katastrophe! Aber auch organische Stoffe können so schwer abbaubar sein, dass sie vom Klärwerk nicht zurückgehalten werden, so dass sich Rückstände davon im Trinkwasser wiederfinden.

  • Der zu treibende Aufwand
    Defekte Leuchtstoffröhren und Energiesparlampen sollen Verbraucher nicht in den Hausmüll entsorgen sondern zu den Recyclinghöfen bringen, weil sich aus den Leuchtmitteln nach Zerkleinern das enthaltene Quecksilber leicht durch Vakuumdestillation herauslösen lässt. Man erspart in Deutschland der Umwelt damit ein paar Hundert Kilogramm Quecksilber jährlich, was aber im Vergleich zum Quecksilberausstoß von Kohlekraftwerken relativ unbedeutend ist. Die Abscheidung von Quecksilber aus den Rauchgasen von Kohlekraftwerken ist zwar auch schon gefordert worden, wird sich aber nicht durchsetzen, weil das viel zu aufwändig ist. Übertragen auf schulische Entsorgungsprobleme bedeutet dies, dass die Vermeidung einer Freisetzung in die Umwelt insbesondere dann dringlich ist, wenn dies leicht und mit wenig Aufwand möglich ist. Die ökologische Sinnhaftigkeit sinkt, wenn die Rückhaltung mit großem Aufwand verbunden ist, also z.B. entweder vor Ort viele Hilfsreagenzien verbraucht werden müssen, um einen Stoff zu isolieren oder wenn eine stark verdünnte wässrige Lösung "sicherheitshalber" als Sonderabfall entsorgt werden soll, die dann - im übrigen auch kostenintensiv - bei 1200 °C "verbrannt" werden muss.

Alle diese Kriterien fließen in die Entsorgungsentscheidung ein. Eine Formel zur Ermittlung des Ergebnisses gibt es nicht. Sie haben nur Ihr Bauchgefühl! Wenn Sie im Zweifel sind, fragen Sie bei der zuständigen Aufsichtsbehörde nach! Es kann sein, dass man dort ein ganz anderes Bauchgefühl hat. Man wird erwarten dürfen, dass das aufsichtsbehördliche Bauchgefühl eine fundiertere Grundlage hat. Wenn Sie dies im konkreten Fall anzweifeln wollen, müssen Sie selbst recherchieren!

Entscheidungshilfen für Bedenklichkeit oder Unbedenklichkeit einer Entsorgung ins Abwasser

Wie oben beschrieben: Laut RiSU sind Chemikalien ab Wassergefährdungsklasse 2 als sog. "gefährlicher Abfall" zu sammeln. Die Wassergefährdungsklasse ist ein per Verwaltungsvorschrift ermittelter Summenparameter, in dessen Berechnung die Gefährdungen, insbesondere die toxischen und ökologischen Gefährdungen eingehen, aber auch Bioabbaubarkeit und Bioakkumulation. Vorteil ist, dass dieser Wert leicht zu ermitteln ist (z.B. SDB, GESTIS-Datenbank).

Eine deklarierte Umweltgefährlichkeit ist ein noch deutlicherer Hinweis, eine Chemikalie nichts ins Abwasser zu entsorgen. Es ist dabei nicht zielführend, einfach nur nachzusehen, ob das Piktogramm GHS09 (umweltgefährdend) auf dem Etikett vorhanden ist, denn einerseits werden damit auch Gefährdungen gekennzeichnet, die in diesem Zusammenhang ohne Belang sind, zum anderen gibt es als umweltgefährlich eingestufte schlecht abbaubare Stoffe, bei denen das Piktogramm GHS09 fehlt! Achten Sie auf folgende H-Sätze:

  • H410 Sehr giftig für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung.
  • H411 Giftig für Wasserorganismen, mit langfristiger Wirkung.
  • H412 Schädlich für Wasserorganismen, mit langfristiger Wirkung. (Kein Piktogramm GHS09!)
  • H413 Kann für Wasserorganismen schädlich sein, mit langfristiger Wirkung. (Kein Piktogramm GHS09!)

Hauptkriterium für die Wassergefährlichkeit eines Stoffes ist seine Toxizität für Wasserorganismen (z.B. Fische, Algen). In die Beurteilung fließen aber auch Bioabbaubarkeit und Bioakkumulation mit ein. Bei schlechter Bioabbaubarkeit enthalten die H-Sätze die Wortfolge "mit langfristiger Wirkung".

Die Indirekteinleiterverordnung des Landes Berlin hat einen Anhang, in dem Stoffe aufgelistet sind, deren Konzentration und stündliche Fracht bestimmte Grenzwerte nicht übersteigen darf. Die Indirekteinleiterverordnung gilt zwar nicht für Schulen (Sie gilt vor allem für bestimmte Gewerbebetriebe) aber die Lektüre der Liste lehrt, welche Stoffe das Land Berlin "besonders auf dem Schirm" hat, nämlich diverse Schwermetalle und halogenierte Kohlenwasserstoffe. Der Blick auf die Schwermetalle ist einsichtig: Sie sind überhaupt nicht abbaubar. (Die Indirekteinleiterverordnung des Landes Brandenburg hat keine Stoffliste.)

 


 

Beurteilen Sie jeden Einzelfall! Schütten Sie nicht unbedacht alles, was durch die Maschen vorstehend beschriebener Restriktionen gefallen ist, ins Abwasser! Umgekehrt kann es denkbar sein, dass auch mal etwas besser ins Abwasser gegeben wird, was sonst eigentlich als Sonderabfall gesammelt wird. Alltägliches Beispiel: Die für ein Experiment verwendeten Gläser und Geräte werden am Waschbecken von den sog. "Restanhaftungen" gereinigt.