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Landesverband

Die hier gegebenen Hinweise sind nach bestem Wissen und Gewissen zusammengetragen. Sie sind hoffentlich eine Hilfe, müssen aber dennoch leider ohne Gewähr für Richtigkeit und Vollständigkeit bleiben. Sie entbinden insbesondere nicht von der eigenverantwortlicher Recherche und Entscheidung hinsichtlich zu treffender Maßnahmen im Umgang mit Gefahrstoffen. Hinweise, Rückmeldungen und Fragen sind willkommen.

Inhalation von Chemikalien

Eine Inhalation von Chemikalien kann zu Lungenverletzungen führen, die Sie schlecht beurteilen können, weil Sie in die Lunge nicht hineingucken können. Besonders gefürchtet ist das toxische Lungenödem, welches obendrein auch noch mit einer Verzögerung von bis zu 36 Stunden nach der Intoxikation auftreten kann. Insbesondere Chemikalien, die ätzende Dämpfe bilden können, neigen dazu, die Lunge derart zu schädigen, dass diese ein toxisches Lungenödem ausbildet. Klassische Vertreter sind z.B. Brom oder rauchende Salpetersäure. Es heißt manchmal, dass "wenige Atemzüge" ausreichen, um ein toxisches Lungenödem auszulösen. Immerhin: Für alle diese Stoffe besteht eine deutliche Geruchswahrnehmung, man kann sich also nicht unbemerkt ein Lungenödem einhandeln.

Trotzdem klingt das alles sehr beängstigend - und ist das ja in Wirklichkeit auch, weil Sie den Lungenzustand des Unfallopfers nicht gut beurteilen können.

  • Bleiben Indikatoren wie Atembeschwerden aus, ist das kein sicheres Indiz, dass die Intoxikation harmlos war - die Lungenschäden können verzögert einsetzen.
  • Der subjektive Zustand des Unfallopfers ist in der Regel erst mal mehr oder weniger von Angst bestimmt. Das erschwert zusätzlich die objektive Beurteilung.
  • Die Nase bewahrt ein Erinnerungsvermögen an den Geruch. Es kann sein, dass der Geruch immer noch wahrgenommen wird, auch wenn objektiv gar nichts mehr eingeatmet wird.

Andererseits: Wenn man beim Experimentieren mal ein kleines bisschen Brom riecht, macht das noch kein toxisches Lungenödem. Dass schon ganze Schulgebäude evakuiert wurden, weil ein Milliliterchen Brom verschüttet wurde, gehöhrt ins Reich Absurdistan - zeigt aber auf, welchem Druck Sie durch Arbeitsschützer ausgesetzt sein können! Die waren zwar nicht vor Ort, beurteilen die Lage aber nach den Akten eventuell anders als Sie und werfen Ihnen plötzlich Pflichtverletzungen vor! Trotzdem gilt:

Sie sind kein Mediziner! Sie können die Lage also nicht medizinisch beurteilen! Sie haben also im Zweifelsfall das Unfallopfer zum Arzt zu bringen!

So gut es geht, können Sie freilich wenigstens versuchen, die Lage zu beurteilen. Erinnern Sie sich an Ihr Studium! Gab es da nie etwas zu riechen? Haben Sie davon Schaden genommen? Eins zu eins dürfen Sie die universitären Erfahrungen freilich nicht auf die Schule übertragen, denn früher waren die Sicherheitsstandards laxer und an der Uni gab es vielleicht auch Praktika, bei denen Sie allein gewurschtelt haben und die dabei auftretenden Gerüche nicht so wichtig waren. Und trotzdem: Mehr als Ihre eigene Erfahrung können Sie nicht einbringen!

Was tun, wenn die Atemluft plötzlich mit gefährlichen Chemikalien belastet ist?

Passiert das großflächig mit einer Schulklasse, verlassen natürlich alle den Raum! Es wird keine Zeit damit vertrödelt, erst noch nach dem Handy o.ä. zu suchen! Da Sie als Aufsichtsperson als letzte den Raum verlassen, bleibt Ihnen etwas Zeit, neben dem Verteilen von Anweisungen noch folgende Dinge zu erledigen:

  • Sofern das ohne Gefährdung möglich ist: Die Unfallstelle sichern. Auch wenn Sie dabei z.B. nur eine umgekippte Flasche noch Aufrichten und verschließen können, ist das ja schon eine Verbesserung der Situation.
  • Das Öffnen der Fenster. Wirkt der Zustand im Chemieraum auf Sie nicht akut bedrohlich, z.B. weil es sich nur um stinkende Buttersäure handelt, könnte es klüger sein, die Fenster erst dann zu öffnen, wenn alle Schüler den Raum verlassen haben und der letzte die Tür auf Ihre Anweisung von außen geschlossen hat. Andernfalls könnte es nämlich sein, dass der Wind die Dämpfe im gesamten Schulgebäude verteilt, wo sie vielleicht Unruhe auslösen. Sie selbst müssen nach dem Öffnen der Fenster schnell durch die Tür huschen und hinter sich wieder schließen - und zur Sicherung der Unfallstelle auch abschließen. Wenn Sie den Zustand für bedrohlich halten, müssen Sie hingegen sofort die Fenster öffnen und hoffen, dass der Wind in die richtige Richtung bläst, nämlich zur geöffneten Tür hinein und zum Fenster wieder hinaus.

Schüler, die sich beklagen, dass sie etwas eingeatmet haben, müssen Sie in Augenschein nehmen, insbesondere diejenigen, die sich in unmittelbarer Nähe des Malheurs befanden. Riechen Sie an er Bekleidung: Kann es sein, dass diese Personen Spritzer der Chemikalie abbekommen haben? Dann muss die betroffene Bekleidung gewechselt werden! Wie das geht, lesen Sie bei den Vergiftungen durch Hautkontakt. Auch in den Haaren können Spritzer stecken! Betroffene Haare müssen ausgewaschen werden.

Bei eindeutig schweren Intoxikationen sollen sich die Unfallopfer so wenig wie möglich bewegen, um die Lunge zu entlasten. Hinsetzen ist gut, Hinlegen noch besser. Bei starkem Hustenreiz ist eine halbsitzende Stellung oft vorteilhafter.

Sie dürfen leider keine Atemschutzmasken verwenden, um die Unfallstelle endgültig zu sichern und aufzuräumen, wenn Sie keine ärztliche Tauglichkeitsbescheinigung zum Tragen einer Atemschutzmaske vorweisen können. Verfliegen die Dämpfe also nicht von selbst, bleibt nichts anderes, als die Aufräumarbeiten der Feuerwehr zu überlassen. Nachrangig sollten Sie sich auch darum kümmern, dass ev. Gerüche im Schulgebäude durch Lüften beseitigt werden.

Wenn eine Lehrkraft z.B. bei der Unterrichtsvorbereitung etwas einatmet, ist vielleicht nicht gleich ein Ersthelfer in Sichtweite und die Person irrt im Haus auf der Suche nach Hilfe herum. Als Ersthelfer kommen Sie hier nicht mehr sinnvoll alleine klar:

  • Es muss sich jemand um das Unfallopfer kümmern.
  • Es muss sich jemand um die Unfallstelle kümmern. Diese Person sollte fachkundig sein.

Vorbeugung

Wie Sie sehen, sind die Maßnahmen bei Inhalationsvergiftungen sehr komplex und es wird von Ihnen viel Umsicht verlangt. Umso mehr sollten Sie besorgt sein, solche Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen. Die Maßnahmen sind einfach und bekannt:

  • Bei gefährlichen Tätigkeiten Abzug benutzen.
  • Kleine Mengen verwenden, bei Schülerversuchen auch kleine Entnahmegefäße.
  • Für hygienisch einwandfreie aufgeräumte Arbeits- und Aufbewahrungsflächen sorgen.
  • Ausreichendes Experimentiergeschick sicherstellen.

Wenn Sie beim Experimentieren inhalationsgefährliche Chemikalien einsetzen wollen, haben Sie das im Vorfeld in der Gefährdungsbeurteilung inklusive der getroffenen Schutzmaßnahmen zu dokumentieren!Achten Sie dabei auf die Beschränkungen der RiSU-Stoffliste.